Es gilt das gesprochene Wort / Text wird im Vortrag gekürzt

Karl Kardinal Lehmann

Bischof von Mainz

 

Verbindliche Grundregeln im menschlichen Zusammenleben

Mobilitätsanspruch und Verhalten im Straßenverkehr in ethischer Perspektive

 

Festvortrag bei der Verleihung der Senator Lothar Danner-Medaille in Gold 2009 des Bundes gegen Alkohol und Drogen im Straßenverkehr e. V. an Herrn Staatsminister Karl Peter Bruch am 2. Oktober 2009 im Hyatt Regency-Hotel in Mainz

 

Kurzfassung

 

I.

 

Unsere Gesellschaft ist seit langem in Gefahr, gemeinsame Fundamente für unser Zusammenleben zu verlieren. Gewiss, wir haben durch die Erhöhung unserer Wahlmöglichkeiten, durch Pluralisierung und Individualisierung unserer Weltdeutungen, unserer religiösen Überzeugungen, der Lebensformen und Daseinsziele viele Freiheiten gewonnen, von denen andere Generationen vor uns oft nur träumen konnten.

 

Dies ist ein allgemeines Kennzeichen unserer Gesellschaft, das wir genauer bedenken wollen. Die Grundfrage ist leicht erkennbar und in ihrer Problematik evident: Wir leben spätestens seit gut 200 Jahren in Staaten, die als solche aufgrund ihrer Verfassung religiös und weltanschaulich neutral sind. Die konkrete Religionsausübung wird der Wahl des Einzelnen und der Gemeinschaften, die sich frei zusammenschließen können, anheimgestellt. Aus dieser Neutralität des Staates darf man jedoch keine falschen oder zumindest voreiligen Schlüsse ziehen. Wenn der Staat keine näher bestimmbare positive Beziehung zu dem von ihm freigegebenen Glaubens- und Gewissensbereich hat, so heißt dies nicht, dass die Verfassung und ihre Grundlagen wertneutral seien.

 

Es wird schon viel schwieriger, wenn man versucht, die inhaltlichen Konturen solcher gemeinsamer Grundlagen näher zu umschreiben, die einerseits nicht identisch sein dürfen mit den Aussagen einzelner Weltanschauungen und Religionen, andererseits doch genügend Motivationskraft in sich tragen müssen, um ein Staatswesen auch von innen her zusammenzuhalten. Wenn der Satz wahr ist, den Ernst-Wolfgang Böckenförde vor Jahren formuliert hat, nämlich: „Der freiheitliche säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“[1], dann ist die Frage unvermeidlich, wie die vielen einzelnen Menschen, die sich jeweils ihre eigene Lebensorientierung und ihr religiöses Bekenntnis wählen, zu einer – wenigstens minimalen – Gemeinsamkeit kommen, die für den Staat als einheitsstiftende Kraft wirkt. In der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland, dem Grundgesetz, ist mit Absicht ein Katalog der Grundrechte und an ihrer Spitze die Menschenwürde an den Anfang gestellt. „Der Staat ist um des Menschen willen da, nicht der Mensch um des Staates willen“, lautet ein berühmter Satz bei der Vorbereitung des Grundgesetzes.[2] So bestimmen heute in der Tat weithin die Menschenrechte den inhaltlichen Zusammenhalt und das tragfähige Fundament der Verfassung.

 

Gewöhnlich wird die Frage nach der Struktur der modernen Gesellschaft und die damit zusammenhängende Schwierigkeit gemeinsamer Maßstäbe menschlichen Zusammenlebens mit dem Stichwort „Pluralismus“ gekennzeichnet. Oft wird jedoch die wirkliche Problematik des Pluralismus nicht ausreichend erläutert. Pluralismus ist nicht bloß Vielfarbigkeit, Vielstimmigkeit und reiche Ausformung, sondern bedeutet ein gleichberechtigtes Neben- und Gegeneinander verschiedener Elemente. Wir sprechen dabei von einem religiösen Pluralismus und meinen die Vielfalt von Bekenntnissen und Religionen, von einem Wertpluralismus mit der Verschiedenheit von Wertsystemen, von einem sozialen oder auch politischen Pluralismus, der die Vielfalt und Spannung gesellschaftlicher Gruppen und politisch einwirkender Kräfte zum Ausdruck bringt. Der Pluralismus besonders der Weltanschauungen, Bekenntnisse und Werte bekommt seine Zuspitzung dadurch, dass ihm oft weitgehend jede Einheit als übergeordnetes Prinzip fehlt. An diesem Punkt setzt auch die Kritik an.

 

Dem Wertpluralismus werden seine schier unbegrenzte Offenheit und damit auch Unsicherheit angelastet. Weil keine gemeinsamen Grundwerte herausgestellt und für verbindlich erklärt werden, sei er schuld an den Sinn- und Orientierungskrisen.

 

Es ist jetzt noch offenkundiger geworden, wie schwierig für viele zeitgenössische Mentalitäten die Suche nach letzten gemeinsamen Maßstäben geworden ist. Nur allzuleicht gewinnen auch hier Ablehnung und Aversion gegenüber der Idee von Einheit – trotz gegenteiliger Beteuerung – die Oberhand, zumal wenn mit jeder Vision einer letzten Einheit gedanklich und affektiv fast zwangsläufig Repression und Gewalt verbunden werden.

 

Wenn die Homogenität einer Gesellschaft sich auflöst, der innere Pluralismus sich immer mehr steigert und die Grundwerte als reine „Privatsache“ erscheinen, wird es evident, dass der Konsens über die Grundnormen des menschlichen Lebens abbröckelt. Es erhebt sich das Problem, wie der Staat und die Gesellschaft eine Sittlichkeit aufbauen, bewahren und fördern können, wenn sie sich von den Fragen des konkret gelebten Ethos und der Religion immer mehr zurückziehen.

 

Man soll diese Frage nicht zu gering einstufen. Der „Preis der Freiheit“ und des Pluralismus ist hoch. Er verlangt auch die Hinnahme einer wesenhaften Schwäche, Verletzlichkeit und Instabilität der modernen Gesellschaften. Die darin lebenden Menschen werden zunächst aus ihren geschichtlichen und geistigen Beziehungen herausgelöst. Die für das eigene Dasein des Menschen entscheidenden Ordnungen mit ihren Wirkungen in der konkreten Lebenswelt gehen nicht in die „Gesellschaft“ ein. Gerade der künstliche Boden dieser Gesellschaft, der ja nicht die „feste Erde“ gewachsener Lebensüberzeugungen ist, ist in besonderem Maße instabil, so „wie ein Funke auf einen Pulverhaufen geworfen eine ganz andere Gefährlichkeit hat, als auf fester Erde, wo er spurlos vergeht“[3].

 

Die Pflege des ethischen Konsenses in der Gesellschaft ist nicht die ausschließliche, ja auch nicht die vorrangige Aufgabe des Staates. Er teilt sie mit allen Kräften der freien Gesellschaft, wie zum Beispiel Medien, Verbänden, Parteien, Gewerkschaften und Kirchen. Die Kirchen haben keine Monopol-Verpflichtung für die Sorge um die Grundwerte. Sie dürfen sich auch nicht in die Rolle des einzigen Garanten der Moralität in der säkularisierten Gesellschaft drängen lassen. Der Auftrag und die Möglichkeit der Kirchen, geistige und moralische Orientierung zu leisten, darf von den anderen gesellschaftlichen Gruppen und vom Staat nicht dazu benutzt werden, sich selbst der Förderung der Grundwerte zu entziehen und die Kirchen ersatzweise als ethische Stabilisatoren der Gesellschaft zu delegieren oder gar zu Handlangern des Staates zu degradieren. Die Kirchen dürfen freilich auch nicht gettohaft in ihr eigenes Inneres flüchten, gleichsam in die Nestwärme der Gemeinde. Sie dürfen die säkulare Welt nicht fremden Mächten überlassen. Sie müssen vielmehr eine größere „innere“ Nähe gerade auch zur sensiblen und verletzlichen Eigenstruktur des modernen Staates gewinnen. Sie müssen die bleibende Sorge um das „Leben“ und „Funktionieren“ der Grundwerte mittragen. Wer im Herzen wirklich ja sagt zur Demokratie und zu einer freiheitlich-rechtstaatlichen Struktur, darf gerade hier keine vornehme oder stille „Distanzierung“ walten lassen, sondern muss aufmerksam die Konsensbildungen und Auseinandersetzungen in Staat und Gesellschaft beobachten und verfolgen.

 

Dabei sind im freien gesellschaftlichen Raum private Initiativen möglich und notwendig. Diesem Ziel dienen viele Vereine und Verbände. Dazu zähle ich den „Bund gegen Alkohol und Drogen im Straßenverkehr e.V. (B.A.D.S.), der im Anschluss an den Senator Lothar Danner einen 1975 gestifteten Preis vergibt. Die Medaille wird jährlich einer Persönlichkeit verliehen, die sich in besonderer Weise um die Verkehrssicherheit verdient gemacht hat. Dies geschieht heute zum 35. Mal.

 

II.

 

Zu den Lebensfeldern des heutigen Menschen gehört die Beweglichkeit in Raum und Zeit. Die Mobilität im weitesten Sinne ist ein grundlegendes Strukturelement der modernen Gesellschaften, angefangen von der Freiheit, seinem Wohnort zu wählen und zu wechseln über die weltweite Migration bis zum Tourismus und zum täglichen Unterwegssein.

 

Bevor wir auf den Straßenverkehr kommen und erst recht auf die Bedeutung der Grundregeln des Verhaltens in ihm, wollen wir zuerst diese grundlegende Mobilität etwas analysieren, um danach das dabei vorherrschende Verhalten näher zu betrachten.

 

1.    Das Wort Mobilität ist ungeheuer mobil. Es umfasst sehr viele Wechselmöglichkeiten von Positionen zwischen festgelegten Einheiten eines Systems: von Ort zu Ort, von sozialer Schicht zu sozialer Schicht, von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz, vertikal und horizontal, Auf- und Abstieg, vom Rand zur Mitte. In unseren Gesellschaften ist Mobilität fast so etwas wie ein Statussymbol. Wer in jeder Hinsicht mobil ist, erhält ein bestimmtes Prestige. In Afrika habe ich erlebt, dass ein Autobesitzer eine ganz andere soziale Position einnimmt. In diesem Sinne hat manche geographische Mobilität auch etwas mit der sozialen Mobilität zu tun. Dies alles gibt dem Begriff eine große Unbestimmtheit.

 

2.    Wenn Mobilität so nach allen Seiten verwendet werden kann, hat sie auch eine eigentümliche Orientierungslosigkeit in sich. Hauptsache: Man ist immer unterwegs, man kann immer unterwegs sein, wenn man will. Dies kann soweit führen, dass Mobilität gar keinen eindeutigen Wert darstellt. Es gibt Mobilität um der Mobilität willen. Es ist immer alles nur in Bewegung. Irgendwie scheinen Umherschwirren und Ziellosigkeit im Ganzen zu diesem Phänomen zu gehören. Es gibt natürlich schon eine nach bestimmten Zielen, Zwecken und Bedürfnissen strukturierte Mobilität, aber dies spielt sich in einem funktional begrenzten Rahmen ab. In diesem Sinne ist Mobilität auch etwas eigentümlich Abstraktes. Sie ist freilich überall gegenwärtig.

 

3.    Die Menschen waren immer unterwegs. Dass der Mensch ein Wanderer ist, „homo viator“, gehört zu den Grundüberzeugungen des europäischen Verständnissen vom Menschen schon in früher Zeit. Aber dies ist mit der Überzeugung verbunden, dass er ein Ziel hat, auf das er hinsteuert. Auch wenn es Abwege und Umwege, ja auch Holzwege gibt, so ist er letztlich auf eine Station als Endziel ausgerichtet. Mobilität bedeutet so auch das Wissen, dass man an keinem Ort einen endgültigen Aufenthalt hat und immer im Vorläufigen wohnt, aber dass die vielen kleinen Schritte auch zu einem zuverlässigen Endziel führen. So gibt es bei aller Mobilität einen sinnvollen Weg vom Anfang bis zum Ende, von der Geburt bis zum Tod. Das Erreichen des Endzieles ist bei allen Abweichungen schließlich doch so etwas wie eine Erfüllung und ist ein Beleg für die Einmaligkeit und Unumkehrbarkeit des menschlichen Lebensweges. Jeder Aufenthalt ist darum kostbar. Er kommt nicht wieder.

 

4.    Unsere moderne Mobilität ist zerstückelt, bewegt sich zwischen vielen Aufenthalten, Rollen und Orten. Sie sagen nicht viel über den Menschen, sehr viel jedoch über die Positionen und Funktionen, in die er eingespannt ist. Darum kann das stetige Unterwegssein auch eine große Unbehaustheit zum Ausdruck bringen. Wir sind oft freiwillige Dauer-Flüchtlinge. Es muss aber nicht unbedingt so sein. Gewiss gibt es Menschen, die sehr viel unterwegs sein müssen, gerade aber so auch z.B. in ihrem Haus oder in ihrer Familie eine bleibende Mitte und eine Art Ruhepunkt haben, zu denen sie gerne immer wieder zurückkehren. So etwas kann man Heimat nennen. Es scheint mir nicht zufällig zu sein, dass während der letzten Jahre in vielen Bereichen immer wieder nach der seelischen, geistigen und religiösen Heimat des Menschen gesucht wird. Diese Heimat bezieht sich nicht nur auf die Herkunft von einer bestimmten Landschaft oder das Vertrautsein im Lebenskreis einer Familie und von Freunden, sondern meint auch eine emotionale Geborgenheit und eine menschliche Verlässlichkeit, die Halt gibt in Glück und Unglück, in Leid und Krankheit, Not und Tod.

 

Die moderne Mobilität weiß davon kaum mehr etwas. Vielleicht ist sie so extrem schnell und ruhelos, weil sie eine solche Heimat nicht mehr kennt. Dann müssten wir – um Menschen bleiben zu können – langsamer werden, wie man dies z.B. beim Wandern wird. Aber auch all das, was man auf dem Fahrrad kennengelernt hat, vergisst man nicht so schnell. Mobilität hat hier eine hohe Qualität, weil sie auf eine beinahe geheimnisvolle Weise wiederum auch mit Stetigkeit verbunden ist.

 

5.    Man spricht von Zwangs-Mobilität und meint damit Umzüge, Arbeitsplatzwechsel. Man unterscheidet dies gerne von Wunsch-Mobilität, wie sie bei Reisen und im Tourismus erlebt wird. Wo möchten Sie gerne wohnen?, ist eine beliebte Frage. Der Tourismus ist heute wohl das auffälligste Merkmal der Mobilität in unserer Gesellschaft. Aber was bringt eigentlich diese Mobilität in immer fernere Länder? Unterwegssein gerade in der Fremde ist ja immer die Chance, dass wir Neues kennenlernen, dadurch uns weiter aufschließen, weiter und freier werden. Hier kann uns Mobilität über Engen und Borniertheiten hinausführen, wirklich reicher machen. Das Fremde kann uns gewiss zuerst erschrecken, es befreit uns aber auch von uns selbst. Hier wurzelt Toleranz. Aber sehr oft wollen wir von diesem Anderssein menschlicher Kulturen, Sprachen und Religionen wenig wissen. Die Ferienreservate der Deutschen auf Mallorca oder in der Karibik sind manchmal erschreckend. Viele kommen wieder nach Hause und haben kaum etwas Wichtiges in den Gastländern gesehen. Gewiss kann ein Ortswechsel schon etwas erholend wirken. Wir brauchen heute aber – besonders im enger werdenden Europa und in der wachsenden einen Welt – erheblich mehr geistige Mobilität, die uns Reisen wirklich bringen könnten.

 

Diese kleine Skizze kann uns schon zeigen, wie ambivalent moderne Mobilität sein kann. Sie kann uns unter bestimmten Bedingungen gefährlich verführen, kann uns aber auch an eine – manchmal verlorene – Heimat erinnern.

 

III.

 

Der Straßenverkehr ist eine besonders große und weite Ausformung und Verwirklichungsform dieser Mobilität. Wir können diese Mobilität nirgends in der Welt wegdenken. Sie verlangt gerade darum hohe Rücksicht aufeinander. Die Straßenverkehrs­regeln sind deswegen auch nicht einfach funktionale Vorschriften, sondern sie drücken ein Ethos des Respektes und der Achtung aufeinander aus, wobei das individuelle Verhalten, z.B. in der Wahl der Geschwindigkeit, dazu gehört. Die Anerkennung der Spielregeln gewährt Ordnung, Rücksicht und Individualität. Dies ist eine Voraussetzung für Freiheit und Toleranz.

 

Mit Recht werden darum schwere Verstöße geahndet, und zwar in sehr unterschiedlicher Form. Dabei kommt es nicht nur auf den Lkw- oder Pkw-Fahrer an, auch auf den Fahrradfahrer und alle Verkehrsteilnehmer. Jeder kann positiv oder negativ zum Ganzen beitragen.

 

Eine andere Dimension erreicht die Sache, wenn es um die Grund-Einstellung und die Disposition geht, mit denen jemand am Straßenverkehr teilnimmt. Wer fahruntüchtig ist, disqualifiziert sich selbst. Beim Überschreiten einer Grenze, z.B. von Alkohol, kann jemand die Fahrerlaubnis entzogen werden.

 

Hier gibt es nun Situationen, in denen Menschen in einer unverantwortlichen Weise am Verkehr teilnehmen und deshalb oft für andere und für sich selbst eine tödliche Gefahr darstellen können. Dies wird nochmals gesteigert, wenn es sich bei Alkohol und Drogen um eine Abhängigkeit handelt, die mit dem Wort „Sucht“ bezeichnet werden muss.

 

Wir wollen eine Weile bei dem verharren, was Sucht bedeutet. Sie kann eine besonders heimtückische Bedrohung werden, in die der Mensch durch Gewöhnung und Missbrauch beinahe von selbst gelangt. Viele Menschen, die süchtig werden, wissen gar nicht, was eine Sucht ist. Sie vertrauen sich der Wirkung eines Mittels an, weil sie mit seiner Hilfe z.B. Entspannung oder Schlaf finden wollen. Am Beginn steht oft eine durchaus vertretbare, sogar notwendige und unumgängliche Indikation. Aus der segensreichen Wirkung entsteht dann durch langsames Einschleichen über Gewöhnung und Missbrauch eine regelrechte Abhängigkeit, die genau das Wesen von „Sucht“ ausmacht. Es kommt zu einer Wiederholung der Einnahme von Suchtmitteln. Um jedoch dieselbe Wirkung zu erhalten, ist eine Steigerung notwendig. Das krankhafte Streben nach weiterer Zufuhr, dessen elementaren Drang man sich in vielen Fällen gar nicht unwiderstehlich genug vorstellen kann, führt in vielen Fällen zu einem selbstzerstörerischen und sozialen Ruin. Die Fähigkeit zu zwischenmenschlichen Bindungen lässt mehr und mehr nach. Die übrigen Symptome sind bekannt: Intoleranz gegenüber Enttäuschungen, verringertes Durchhaltevermögen, Unzuverlässigkeit, Verlust von Wertüberzeugungen, Haltlosigkeit und Verwahrlosung.

 

Suchtmittel können kaum wirksam werden ohne eine „suchtoffene Persönlichkeit“, die leichter und wenig kontrolliert auf die aktive Manipulation ihrer Befindlichkeit durch „Drogen“ anspricht. Zur äußeren Verfügbarkeit der Suchtmittel gehört auch so etwas wie eine „innere Griffnähe“, nämlich die Bereitschaft, sich bei bestimmten Gelegenheiten dieser Mittel zu bedienen. Der Rausch ist für den Süchtigen oft Flucht aus einer als unerträglich empfundenen Wirklichkeit. Wenn Süchtigkeit ein Massenphänomen wird, werden daran Defizite einer Gesellschaft erkennbar. Zu diesen Verlockungen gehört z.B. auch der Konsumzwang mit der Tendenz des „Immer mehr“. Sucht kann auch entstehen, wenn der Mensch sich der Illusion hingibt, er könne mit seinen eigenen Möglichkeiten ein schlechthin mangelloses, geradezu vollkommenes Leben herstellen. Alle Geduld und das Ertragen zeitweiliger Entbehrungen, das Warten auf Erfüllung, das Hinnehmen zeitlicher Schmerzen, ja überhaupt der Umgang mit Beeinträchtigungen und Grenzen - dies scheint man übergehen zu können. Manche Sucht entsteht aus dem Wahn, eines Tages könne man alles Ungemach, alle Gefahren, alle Krankheiten überwinden. Die daraus folgende Enttäuschung in der Realität ist nicht mehr in der Lage, mit der Frustration umzugehen. Wo eine große Perspektivlosigkeit und Resignation bei einzelnen Menschen oder auch bei bestimmten Gruppen vorherrscht, wächst die Gefahr der Abhängigkeit von Suchtmitteln. Man denke z.B. nur an Arbeitslosigkeit als auslösenden Faktor. Es ist dann auch konsequent, wenn der Süchtige die Schuld für seine Abhängigkeit ganz der Situation zuschreibt, in der er sich befindet.

 

Dieser Süchtigkeit kann nicht einfach von außen abgeholfen werden. Weder Medikamente noch Strafen noch Einschüchterungen, etwa durch die Polizei, helfen. Die Scheinwelt der Süchtigkeit muss entdeckt und durchbrochen werden. Ohne Aufrichtigkeit und Mut zur Wahrheit kann es keine Überwindung von Sucht geben. „Sinn“ findet man nicht in einer Traumwelt, die auf der Flucht vor der Realität ist. Der Mensch muss sich auch mit seiner schlechten Stimmung auseinandersetzen. Die angeblich seligmachenden Pillen bringen nicht das harmonische Glück, sondern verstellen am Ende die Wirklichkeit. Zum Finden des menschlichen Sinnes gehört auch die Erfahrung von Grenzen und Schmerzen, Belastungen und Spannungen.

 

Es bedarf vieler Anstrengungen, um ein solches Bewusstsein zu erreichen,. Erziehung darf kein falsches Menschenbild vorgaukeln. Die Beratung eines durch Sucht bedrohten Menschen gibt illusionsfreie Ziele vor und bewahrt durch Begleitung vor einem Absinken in Abhängigkeiten. Die Prophylaxe bedeutet eine immerwährende kritische Wachsamkeit bei der Einnahme aller Genuss- und Arzneimittel, vor allem wenn sie einen Einfluss auf die Stimmung haben. Therapie und Rehabilitation versuchen den Gescheiterten wieder auf den Weg einer wirklich menschlichen Suche nach Sinn zurückzubringen und von zerstörerischen Abhängigkeiten zu befreien.

 

Dies alles wäre jetzt auf eine mögliche Suchtabhängigkeit von Drogen und Alkohol anzuwenden, besonders im Straßenverkehr. Hier wirkt sich die Sucht viel verhängnisvoller aus, da sie sehr rasch den Nächsten betrifft, ihn verletzt und gar tötet. Aber hier möchte ich einhalten, zumal sie in diesem Bereich viel kompetenter sind. Einige fortführende Gedanken habe ich in der Langfassung dieses Vortrags niedergelegt. Es müsste von vielem die Rede sein, von der Unersättlichkeit und Maßlosigkeit des heutigen Menschen, von der Erfahrung von Absurditäten in unserer Welt, die zur Suchtabhängigkeit verführen kann.

 

Hier hat Kirche und Glaube eine große Aufgabe. Für die Kirche gehören Pastoral und Beratung, Prävention und Heilung von Sucht untrennbar zusammen. Der Glaube befreit von Illusionen, deckt sklavische Abhängigkeiten auf und befreit zu einem geglückten Menschsein innerhalb der Schranken des Kreatürlichen. Er lehrt den Menschen mit Grenzen und Bedingtheiten zu leben, in Würde auch Schmerz zu ertragen und die Unvollkommenheiten des Lebens, zumal der eigenen Existenz, anzunehmen. In der Befreiung von Süchtigkeit geschieht zutiefst eine Rettung menschlichen Lebens. Dies bringt vor allem die Therapie von selbst in die Nähe von Heil und Heilung, ohne sich damit einfach zu identifizieren. Sie kann jedoch ganzheitlich orientiert, ein Vorspiel und ein Gleichnis dessen werden, was nur Gott selbst an endgültigem Befreit- und Ganzwerden bewirken kann. „Sinn“, der wieder gefunden wird, ist ein Vorname dafür.

 

Ich freue mich, dass wir gegen diesen Missbrauch guter Gaben ankämpfen und uns nicht mit den verheerenden Auswirkungen abfinden. Ich freue mich, dass Sie die Medaille dieses Jahres an Herrn Staatsminister Karl Peter Bruch verleihen. Herzlichen Glückwunsch und besten Dank!



[1] E.-W. Böckenförde, Staat-Gesellschaft-Freiheit. Studien zur Staatstheorie und zum Verfassungsrecht, Frankfurt 1976, 60.

[2] In: Bericht über den Verfassungskonvent auf Herrenchiemsee vom 10.-23. August 1948, München o.J., 61.

[3] G.W.F. Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts (Hamburg 41955), Par. 319, 277. Ausführlicher dazu K. Lehmann, Gegenwart des Glaubens (Mainz 1974)11-34; ders., Die Funktion von Glaube und Kirche angesichts der Sinnproblematik in Gesellschaft und Staat heute, in: Essener Gespräche zum Thema Staat und Kirche II (1977) 9-56.