Landessektion finden oder auf der Seite suchen:

Auswirkungen von Alkohol auf die Fahrtauglichkeit

Die groß angelegte Grand-Rapids-Studie aus dem Jahre 1962/63[1], deren Ergebnisse durch eine Studie des Interdisziplinären Zentrums für Verkehrswissenschaften an der Universität Würzburg von 1994 im Wesentlichen bestätigt wurden, lieferte aufschlussreiche Ergebnisse über den Zusammenhang von Alkoholbeeinflussung[2] und Unfallrisiko.

  • Bei Blutalkoholkonzentrationen über 0,3 Promille steigt die Unfallhäufigkeit.
  • Die Wahrscheinlichkeit, in einen Unfall verwickelt zu werden, steigt ab 0,8 Promille rapide und exponentiell an und ist bei 1,5 Promille gegenüber 0,0 Promille extrem hoch (mehr als 25-mal höher).
  • Kraftfahrer mit einer Blutalkoholkonzentration von mehr als 0,8 Promille haben häufiger Unfälle, an denen nur ihr Fahrzeug beteiligt ist. Ihre Unfälle sind meistens schwerer und folgenreicher als die nüchterner Fahrer. Sie sind etwa zweimal so häufig in schwere Unfälle verwickelt.

Physische Alkoholwirkungen

Alkohol gelangt über das Blut in alle Bereiche des Körpers, insbesondere des Gehirns, was Auswirkungen auf die sinnesphysiologische Leistungsfähigkeit sowie auf die psychische Verfassung hat. Dabei können die Beeinträchtigungen physischer und psychischer Art nicht getrennt betrachtet werden, denn es werden nicht nur einzelne Abschnitte, sondern der gesamte Organismus beeinträchtigt, weshalb auch eine wechselseitige Kompensation der Ausfälle nur sehr eingeschränkt möglich ist.

Alle Körperbewegungen werden vom Großhirn, teilweise moduliert durch das Kleinhirn gesteuert. Hier liegen das Seh- und das Gefühlszentrum sowie das Assoziationszentrum, welches Denken, Gedächtnis, Wille, Bewusstsein und Sprache steuert.

Nach Alkoholkonsum ist die Alkoholkonzentration in der ersten sog. Anflutungsphase in wichtigen Zentren des Gehirns, dem sog. limbischen System und der Sehrinde am größten. Dort treten folglich auch die entscheidenden, alkoholbedingten Leistungsstörungen auf. Alkohol beeinträchtigt die Stoffwechselvorgänge in den Nervenzellen und behindert damit die Übermittlung von Informationen. Die Verknüpfungen zwischen den Zellen basieren auf einem komplexen System von Abhängigkeiten. Wird dieses System durch Alkoholeinfluss gestört, kann es zu gravierenden Fehlsteuerungen kommen.

Die alkoholbedingten Ausfallerscheinungen führen bei Kraftfahrern zu typischen Fahrfehlern, die wiederum Ursache von dann zumeist schweren Verkehrsunfällen sein können.

BAK (‰)

AAK (mg/l)

Ausfallerscheinungen

unterhalb von 0,2

< 0,1

bei alkoholüberempfindlichen oder –ungewohnten Menschen tritt bereits eine enthemmende Wirkung mit Steigerung der Redseligkeit ein

ab 0,3

0,15

erste Beeinträchtigungen wie Einschränkung des Sehfeldes und Probleme bei der Entfernungsschätzung

ab 0,5          

 

0,25

deutliches Nachlassen der Reaktionsfähigkeit (Reaktionszeit), insbesondere auf rote Signale (Rotlichtschwäche)

ab 0,8

0,4

erste Gleichgewichtsstörungen, das Gesichtsfeld ist eingeengt (Tunnelblick), deutliche Enthemmung

im Bereich   

1,0 bis 1,5

0,55 - 0,75   

Sprachstörungen, Risikobereitschaft und Aggressivität    steigen

bei 2,0 bis 2,5         

1 - 1,25         

Starke Koordinations- und Gleichgewichts-störungen, lallende Aussprache

oberhalb von 2,5

 

> 1,25

 

Bewusstseinstrübung, Lähmungserscheinungen, Doppelsehen und Ausschaltung des Erinnerungsvermögens

ab ca. 3,5    

> 1,75

lebensbedrohliche Zustände; es besteht die Gefahr einer Lähmung des Atemzentrums, die zu Koma oder Tod führen kann

Sehvermögen

Bereits bei geringer Alkoholisierung treten vielseitige Beeinträchtigungen des Sehapparates auf. Da über das optische System 90 % der für den Verkehrsteilnehmer wichtigen Informationen aufgenommen werden, wirken sich Störungen besonders nachteilig aus.

Doppelsehen

Eine Variante des Fehlsehens durch Alkohol entsteht durch die Erschlaffung der Augenmuskulatur: das so genannte Doppelsehen. Die perspektivisch unterschiedlichen „Teilbilder“ beider Augen können im Gehirn nicht mehr zu einem einheitlichen Bild zusammengefügt werden. Folge ist die Einbuße der räumlichen Wahrnehmung. Ist die räumliche Wahrnehmung beeinträchtigt, so ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für das Führen eines Kraftfahrzeugs verloren: die richtige Einschätzung von Abständen und Geschwindigkeiten, aber auch des vorausliegenden Fahrbahnverlaufs.

Tunnelblick

Das Gesichtsfeld (der Winkel, den das ruhende Auge erfasst) beträgt im Normalfall 180 Grad, das Blickfeld (der Winkel, den das bewegte Auge ohne Kopfdrehung erfasst) sogar 220 Grad. Durch Alkoholeinfluss tritt eine starke Einschränkung von Gesichts- und Blickfeld ein. Das heißt, man sieht auf einen Blick nur noch einen Bruchteil dessen, was man nüchtern sehen würde, und verliert dadurch wichtige Informationen. Man sieht wie durch eine Röhre (Tunnelblick). Darüber hinaus kommt es zu einer Veränderung der sog. Flimmerverschmelzungsfrequenz, so dass beim bewegten Fahrzeug die Peripherie des Gesichtsfeldes unscharf wird.

Verzögerte Hell-Dunkel-Anpassung

Die Fähigkeit zur Anpassung an Dämmerung und Dunkelheit wird herabgesetzt. Es kommt zu erhöhter Blendempfindlichkeit und zur Verzögerung der Hellanpassung (wenn z.B. nachts ein anderes Fahrzeug entgegenkommt). Das hängt damit zusammen, dass Weitung und Verengung der Pupillen stark verlangsamt ablaufen und damit der Lichteinfall auf die Netzhaut nicht mehr in adäquater Geschwindigkeit und gegebenenfalls auch im notwendigen Maß korrigiert werden kann.

Rotlichtschwäche

Zu der beeinträchtigten Hell-Dunkel-Anpassung kommt schließlich noch die sog. Rotlichtschwäche. Das bedeutet, dass ein alkoholisierter Fahrer Farben, insbesondere solche mit großem Rotanteil, nicht mehr richtig erkennen kann. Rote Ampeln oder die Bremsleuchten des Vordermannes werden unter Umständen nicht mehr oder als weiter entfernt wahrgenommen.

Gleichgewichtssinn

Bereits geringe Mengen Alkohol stören den Gleichgewichtssinn und die damit verbundene Koordinationsfähigkeit. Besonders betroffen ist die Feinmotorik. Im Extremfall kann es zum völligen Kontrollverlust kommen. Das Körpergleichgewicht ist eine komplizierte koordinative Leistung, die vom Gleichgewichtsorgan im Ohr und dem Gleichgewichtssinn im Gehirn gesteuert wird. Ein Vorgang, für den das Gleichgewichtsorgan im Ohr verantwortlich ist, ist die Fähigkeit des Auges, einen Punkt auch bei bewegtem Körper oder Kopf zu fixieren (Nachführmechanismus). Der Nachführmechanismus läuft unter Alkoholwirkung verzögert ab. Das fixierte Objekt erscheint dann für den Betrachter kurzzeitig an einer Stelle, an der es sich gar nicht befindet, oder nach Bewegung des Kopfes unscharf. Fehlreaktionen können die Folge sein.

Reaktionsvermögen

Alkoholkonsum verlängert die Reaktionszeit. Die Reaktionen werden abrupt und ungenau. Der alkoholisierte Fahrer ist Überraschungssituationen nicht mehr gewachsen. Bei mehr als einem Promille Blutalkoholkonzentration ist die Reaktionsgeschwindigkeit in der Regel um den Faktor 5 – 6 vermindert. Die Geschwindigkeit des Sprachflusses und die Assoziationsfähigkeit sind verlangsamt („Lallen“).

Aufmerksamkeit

Ab 0,3 Promille Blutalkoholkonzentration nimmt die Aufmerksamkeit in allen Qualitäten nachweisbar ab. Besonders wenn verschiedene Aufgaben gleichzeitig geleistet werden müssen – sog. geteilte Aufmerksamkeit –, erhöht sich die Fehlerquote bzw. verlängert sich die Zeit, die zur Lösung der Aufgabe beansprucht wird.

Ermüdung

Durch Alkohol wird der normale Schlafrhythmus erheblich beeinträchtigt: der Traumschlaf (REM-Schlaf- Stadium) wird unterdrückt. REM- und Tiefschlafphasen sind unter Alkoholwirkung kürzer. Die Folge können Ermüdungserscheinungen sein, die sich als Spätfolge noch auf die Aufmerksamkeit und das Reaktionsvermögen negativ auswirken, selbst dann, wenn kein Alkohol mehr im Blut ist.

 

Psychische Alkoholwirkungen

Alkoholbedingte Störungen betreffen immer die Gesamtpersönlichkeit. Die Beeinträchtigung der Sinnesleistungen und damit verbundene Fehlverhaltensweisen sind gekoppelt mit Selbstüberschätzung, erhöhter Risikobereitschaft, Enthemmung und Kontrollverlust.

Selbstüberschätzung

Die Wirkung des Alkohols auf die eigene Leistungsfähigkeit wird unterschätzt. Die Fähigkeit zur Selbstkritik ist gemindert. Die Folgen sind oft deswegen katastrophal, weil das subjektive Gefühl gesteigerter oder zumindest unverändert vorhandener Leistungsfähigkeit verbunden ist mit einer tatsächlichen (objektiven) Leistungseinschränkung.

Risikobereitschaft

Bereits 0,5 Promille bewirken eine deutliche Erhöhung der Risikobereitschaft. Damit verbunden ist eine Steigerung des Bewegungsdrangs, des Leichtsinns, der Sorglosigkeit und Leichtfertigkeit. Verantwortungsgefühl und Sorgfalt lassen nach.

Enthemmung und Kontrollverlust

Gerade geringe Mengen Alkohol bewirken eine gesteigerte motorische Aktivität, die einhergeht mit einer Minderung der hemmenden und kontrollierenden Funktionen.

Alkoholbedingte Fahrfehler

Alkoholisierte Fahrzeugführer machen typische Fahrfehler. Gefährlich sind vor allem Fehlverhaltensweisen wie beispielsweise überhöhte Geschwindigkeit, Fahren in Schlangenlinien, riskantes Überholen.

  • Fahrzeuge werden zum Parken mit Fern- oder Abblendlicht abgestellt.
  • Andere Fahrzeuge werden beim Rückwärtsfahren gerammt.
  • Beim Ein- und Ausfahren von Parkplätzen kommt es zu Zusammenstößen.
  • Beim Anfahren wird vergessen, das Licht einzuschalten.
  • Es wird mit unangepasster Beleuchtung gefahren.
  • Bei Gegenverkehr wird nicht abgeblendet.
  • Richtungsänderungen werden nicht oder falsch angezeigt.
  • Eingestelltes Blinklicht wird nach dem Abbiegen nicht abgestellt.
  • Bremslichter vorausfahrender Fahrzeuge werden nicht rechtzeitig bemerkt.
  • Es wird mit stark überhöhter Geschwindigkeit gefahren.
  • Bei Wartepflicht wird die Geschwindigkeit nicht angepasst.
  • Unübersichtliche Kurven werden geschnitten.
  • Es wird in „Schlangenlinien“ gefahren.
  • Beim Wenden kommt man von der Fahrbahn ab.
  • Es wird auf der Fahrbahnmitte oder auf der falschen Fahrbahn gefahren.
  • Stehende Fahrzeuge werden von hinten angefahren oder beim Vorbeifahren gestreift.
  • An unübersichtlichen Stellen wird mit überhöhter Geschwindigkeit und mit zu geringer Entfernung zum Gegenverkehr überholt.
  • Gegenüber Fußgängern, die sich auf der Fahrbahn befinden, wird falsch reagiert.
  • Anderen Kraftfahrern wird die Vorfahrt genommen.
  • Akustische Warnzeichen werden unsinnig und übertrieben betätigt.
  • Zu viele Personen werden im Fahrzeug mitgenommen.
  • Es wird verkehrt durch Einbahnstraßen oder durch abgesperrte Straßen gefahren.

 

[1] Borkenstein RF, Crowther RF, Shumate RP, Ziel WB, Zylman R. The role of the drinking driver in traffic accidents (The Grand Rapids study). Nachdruck in: Blutalkohol 11, 3-132 (1974).

[2] Beide Studien basieren auf Atemalkoholmessungen, deren Ergebnisse unter Zugrundelegung eines Faktors von 2100 : 1 bzw. 2000 : 1 in Blutalkoholwerte umgerechnet wurden.